X-17 August Ibing (1878-1959)

augibingkunstmaAugust Ibing (von IX-16), Kunstmaler zu Düsseldorf, später Dal­wigksthal, geboren am 12. Januar 1878 in Obersprockhövel, gestorben am 17. Dezember 1959 in Dalwigksthal, ehelichte am 18. September 1906 in Schwelm Julie Anna Fieseler, Tochter des Carl Wilhelm Fieseler und der Friederike Wilhelmine Schäfer, geboren am 1. November 1874 in Schwelm, gestorben am 21. November 1931 in Düsseldorf. Aus der Ehe stammt ein Sohn:
a.) Wolfgang (siehe XI-9)

August Ibing verbrachte seine Kindheit und Schulzeit überwiegend in Schwelm.
Durch die aus Waldeck stammende Mutter, die jährlich für ca. vier bis sechs Wochen in Münden weilte, war schon früh eine Verbindung zur Heimat der mütterlichen Ahnen hergestellt. Ab etwa 1887 verbrachte A. Ibing ca. ein Jahr in Münden und besuchte dort auch die Schule. Während dieser Zeit wurde er auf dem rechten Ohr taub. Diese Taubheit soll durch eine Untersuchung anläßlich einer Erkrankung der Nase entstanden sein.
Schon früh entdeckte die Umwelt von A. Ibing, daß dieser ein außergewöhnliches zeichnerisches Talent besaß. Bereits im Alter von etwa acht bis neun Jahren konnte A. Ibing mit wenigen Strichen Baumblätter sehr gut skizzieren. Ebenso gelang es ihm, Schuhe – der Vater war ja Schuhmacher – geschickt zeichnerisch darzustellen. Seinen Lehrern blieb diese Begabung nicht verborgen, zumal es zu dieser Zeit ein paar hervorragende Zeichenlehrer in Schwelm gegeben haben soll. Der Volksschullehrer Winkelsträter nahm sich schließlich des jungen Ibing an und ermunterte die Eltern dazu, einem erfolgsversprechenden Studium der Malerei zuzustimmen.
Da der 14jährige Volksschulentlassene für den Besuch der Akademie zu jung war, besuchte er ca. zwei Jahre die Kunstgewerbeschule in Düsseldorf. Während dieser Zeit wohnte A. Ibing bei einem evangelischen Pfarrer in Düsseldorf, eine Zeit, die er stets in schlechter Erinnerung behalten hatte.
Durch Fürsprache der Lehrer A. Ibings soll die Stadt Schwelm das Studium an der Kunstakademie in Düsseldorf in Form eines Stipendiums übernommen haben. Der Beweis hierfür konnte jedoch nie erbracht werden. Es ist wahrscheinlich, daß von anderer Seite eine großzügige Hilfe erfolgte, war doch die Familie in Schwelm mit ihrer Kinderschar nicht gerade mit materiellen Gütern gesegnet. Jedenfalls kam A. Ibing im Jahre 1893 an die berühmte Akademie in Düsseldorf, um bei den Professoren Peter Janssen, Claus Meyer und Willy Spatz zu studieren.

Das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts brachte einschneidende Veränderungen in das Leben A. Ibings. Düsseldorf war längst zum ständigen Wohnsitz geworden. Wie nach einem festen Plan erfüllte er nach und nach seine Vorstellungen, sodaß innerhalb kurzer Zeit die Hauptziele erreicht waren: Familie und eigenes Atelier.

Noch während des Studiums an der Düsseldorfer Akademie, oder kurz nach Abschluß des Studiums, übernahm A. Ibing im Oktober 1905 eine nebenamtliche Lehrstelle an der Städtischen Handwerkerschule (seit 1910 Handwerker- und Kunstgewerbeschule) in Dortmund. Dort lehrte Ibing Akt, figürliches Zeichnen nach lebenden Modellen und anatomische Darstellung. In den Jahresberichten der Jahre 1905 – 1915 wird A. Ibing als Lehrer an der Schule erwähnt. Im Jahresbericht 1914/15 ist vermerkt, daß er sich seit dem 24. März 1915 „im Felde“ befindet.

Am 18. September 1906 ging A. Ibing in Schwelm die Ehe mit Julie Anna Fieseler ein. Im Jahre 1907 wurde das einzige Kind aus dieser Ehe, Wolfgang Ibing, geboren. Im gleichen Jahr eröffnete A. Ibing in der Leopoldstraße in Düsseldorf sein erstes eigenes Atelier, welches er dort bis zum Jahre 1914 unterhielt. Schließlich, im Jahre 1908, stellte Ibing erstmals auf den großen Kunstausstellungen aus.

A. Ibing wurde am 16. Dezember 1909 Mitglied der Freimaurerloge „Zur Hoffnung und Stärke am Niederrhein“, die bis 1935 bestand. Die Zusammenkünfte der Loge besuchte er wenig, hielt aber zur Loge, auch während der NS-Zeit, und traf sich nach dem 2. Weltkrieg noch oft mit alten Logenbrüdern, die ihn in Dalwigksthal besuchten.
Frohe Jahre des Schaffens lagen vor ihm. Unermüdlich tätig, entstanden viele schöne Arbeiten; in kurzer Zeit hatte A. Ibing sich seinen eigenen Kundenkreis geschaffen. Das Lehramt in Dortmund machte ihm Freude, das zusätzliche Einkommen ließ keine finanziellen Sorgen aufkommen.

Eine jähe Unterbrechung erfuhr das Schaffen Ibings mit dem Beginn des Weltkrieges 1914; eine unglückselige Zeit begann. Im Frühjahr des Jahres 1915 wurde auch A. Ibing zu den Waffen gerufen und war zunächst bis Mitte 1917 bei Noyon/Frankreich stationiert. Nach einem Lazarettaufenthalt mit anschließendem Genesungsurlaub in Düsseldorf wurde er Ende 1917 nach Galizien versetzt. Dann kam er mit seinem Regiment L. I. R. 55 zur Krim und zum Kuban am Kaukasus. Anfang November 1918 begab er sich als Kurier auf den Weg nach Berlin. Dier Reise von der Krim dauerte über einen Monat. Dann wurde er aus dem Militärdienst entlassen. Schließlich kam er Mitte Dezember 1918 wohlbehalten wieder in Düsseldorf an. A. Ibing war keineswegs gerne Soldat, sondern sah den Militärdienst nur als Pflicht an, die er auszuführen hatte.

Nach den Kriegsjahren begann wieder eine ruhige Zeit und wir können den Zeitraum zwischen den Weltkriegen zwischen 1914/18 und 1939/45 als die eigentliche große Schaffensperiode bezeichnen. In dieser Zeit entstanden viele Bilder, die zum Teil große Beachtung fanden. Mit seiner Frau und seinem Sohn reiste er oft nach Waldeck, der Heimat der mütterlichen Ahnen. A. Ibing liebte diese Gegend sehr; besonders der Ort Dalwigksthal sowie das Orketal boten ihm immer wieder neue Anregungen für seine Arbeiten, brachte doch der großartige Laubwaldbestand mit dem Wechsel der Jahreszeiten vielfältige Farben hervor. Dem Sauerland mit seinem Nadelwaldbestand konnte er keine Sympathie abgewinnen.
A. Ibing war zumindest in der Zeit von 1924 bis 1932 Mitglied des Künstlervereins MALKASTEN in Düsseldorf. Den MALKASTEN, das Künstlerlokal, suchte Ibing hin und wieder auf, um mit Freunden und Kollegen zusammenzusitzen und Erfahrungen und Ideen auszutauschen. Das sonntägliche Mittagessen wurde regelmäßig mit der Familie im MALKASTEN eingenommen.

In den Malern seiner Generation sah A. Ibing keine Vorbilder. Sämtliche französischen Impressionisten lehnte er ab, ebenso Vincent van Gogh. Von den alten Meistern bevorzugte er den Niederländer Frans Hals (1588 – 1666), dessen Bild „Lachender Kavalier“ er sich von seinem Freund, dem Maler Karl Faust, kopieren ließ.

Wie sah sein Tagesablauf aus? Er stand zwischen 7.00 – 7.30 Uhr auf, frühstückte und ging dann gleich an die Arbeit. Nach einer kurzen Mittagsruhe ging es dann weiter bis zum Abend. Abends blieb er lange auf, las sehr viel und studierte ständig Tageszeitungen. Ibing lebte genügsam, aus Essen und Trinken machte er sich nicht viel. Hin und wieder ein Glas Wein, das genügte ihm. Er war jedoch ein starker Raucher, von Jugend an. Nachdem er in früheren Jahren Zigarren rauchte, rauchte er später täglich 25 –30 Zigaretten.
Nachdem Georg Ibing, sein jüngster Bruder, ihm einmal eine Baskenmütze aus dem Elsaß mitgebracht hatte, gehörte eine solche Mütze zum persönlichen Erscheinungsbild Ibings. Er setzte sie – auf den meisten Selbstportraits und Fotos vorhanden – morgens auf, und nahm sie erst abends wieder ab, mit anderen Worten: er hatte sie ständig auf dem Kopf.
„Hobbies“ im heutigen Sinn hatte A. Ibing nicht. Um 1914 spielte er mit dem Maler Carl Faust in Düsseldorf öfters Schach. Gelegentlich war er auch einem Skatspiel nicht abgeneigt, welches er während seiner Militärzeit erlernt hatte. Während seiner Militärzeit in Frankreich sammelte A. Ibing Versteinerungen und kleine Schnitzereien, die er dann seinem Sohn mitbrachte.

Trotz seines Gehörleidens hatte Ibing einen Zugang zur Musik. Er war ein ausgesprochender Mozart-Anhänger, wußte aber auch Ludwig van Beethoven zu schätzen. Nach dem Erscheinen der „Dreigroschenoper“ hörte Ibing auch diese Melodien hin und wieder gern. Schon früh besaß er ein Grammophon und wäre froh gewesen, wenn sein Sohn Wolfgang sich der Musik zugewendet hätte.
Seine Sehkraft blieb ihm bis ins hohe Alter erhalten, lediglich eine gewisse Alterssehschwäche machte in den letzten Jahren eine Lesebrille erforderlich.

Die 30er Jahre hatten begonnen, noch sah die Zukunft gut aus. A. Ibing war auf der Höhe seines Schaffens angelangt. Im Jahre 1931, im Jahre der „Silbernen Hochzeit“ der Eheleute Ibing, traf ein harter Schicksalsschlag die Familie: am 21. November verstarb die Ehefrau und Mutter Julie Ibing in Düsseldorf. Sie wurde auf dem Nordfriedhof in Düsseldorf bestattet. Für das Grabmal entwarf A. Ibing ein Mosaik, welches heute noch erhalten ist. Das Leben ging unerbittlich weiter, eine unglückselige Zeit brach herein, die August Ibing noch einmal schwer treffen sollte. Während dieser Zeit enstand u. a. ein sehr schönes Selbstportrait.
Mit Beginn des 2. Weltkrieges begannen auch für A. Ibing die Schwierigkeiten bei der Materialbeschaffung. Gute Malerleinwand war kaum noch zu bekommen, und so mußte er für die Bildträger der Tafelmalerei Sperrholzplatten verwenden. Ibing teilte mit Schreiben vom 4. November 1940 dem Dortmunder Architekten Herwarth Schulte mit: „Für den Beginn der Arbeit warte ich mit Schmerzen auf die Sperrholzplatte….. Ich bitte Sie, hinter die Angelegenheit der Sperrholzplatten Druck zu setzen.“
Ein großer Teil der Werke aus Ibings Atelier sollte nur noch kurze Zeit ihre Besitzer erfreuen. Furchtbare Bombenangriffe ließen sie bald zu Asche werden. Dann holte das Schicksal erneut aus und traf A. Ibing unerbittlich, er erlebte seinen schwersten Verlust.

Pfingsten 1943 – es war der 13. Juni – erlebte Düsseldorf einen schweren Luftangriff. A. Ibing verlor im Haus seine gesamt Habe, sein ganzes Lebenswerk. In seinem Atelier verbrannten innerhalb kurzer Zeit über 300 Ölgemälde und ca. 2000 Kohlezeichnungen. Verbittert und geschwächt an Leib und Seele, verließ der 65jährige das ihm so lieb gewordene Düsseldorf. Nach einem kurzen Aufenthalt bei seiner Schwester in Schwelm reiste er weiter nach Waldeck, wo er mit seiner Schülerin Ida Beckhaus, mit der er inzwischen sein Leben teilte, in dem kleinen Ort Dalwigksthal in einem Gasthof Unterkunft fand.

Als zäher Westfale mit unermüdlichem Schaffensdrang schaffte er es auch bald, den Grundstein für ein kleines Haus mit einem schönen Atelier zu bauen. Der Entwurf stammte von seinem früheren Schüler Karl Zickenheiner in Dortmund, der in Zusammenarbeit mit A. Ibing die notwendigen Pläne erstellte. Die Pläne sollten eigentlich von dem Architekten BDA Herwarth Schulte, zu jener Zeit in Frankreich weilend, durchgesehen und überarbeitet werden. Ibing und Zickenheiner vermuteten jedoch, daß der gemeinsame Freund und bekannte für eine solche Überarbeitung keine Zeit habe, und bautn auf eigene Faust los. Die Ausführung selbst lag in den Händen des Zimmermanns August Sonnenschein in Münden, einem Neffen von A. Ibing. Eines Tages traf Karl Zickenheiner in Dalwigksthal ein, um den Fortgang der Arbeiten zu beobachten und weitere Einzelheiten zu besprechen. Einige Probleme waren tatsächlich aufgetaucht. Fragen hin, Fragen her, schließlich verlangte Karl Zickenheiner nach der Bauzeichnung. Nach kurzer Ratlosigkeit fand man diese endlich: mit einem schmalen Rand hervorschauend, war die Zeichnung fest im Mauerwerk eingemauert. So baute man ohne Zeichnung weiter und kam schließlich doch noch zu einem Ende. Die Arbeiten gingen nur langsam voran, es fehlte an Handwerkern und Material, doch A. Ibing gab nicht auf.
Schließlich schaffte es A. Ibing dann doch noch. Haus und Atelier waren fertig, endlich fühlte er sich wieder wohl. Noch im Jahre 1945 konnte A. Ibing wieder an die Arbeit gehen und stand schon bald wieder täglich vor seiner Staffelei. Mit der Material- und Werkzeugbeschaffung sah es zwar noch schlimm aus, aber Freunde und Verwandte halfen, wo es notwendig war.

Inmitten der herrlichen Landschaft des Waldeck begann A. Ibing von vorn. Die alten Kräfte kamen zwar nicht zurück, dennoch entstanden hier beachtliche Arbeiten, die wir heute noch bewundern dürfen. Täglich stand er noch vor der Staffelei, malte zu seinem Vergnügen Studien und fand auch noch manche Auftraggeber für größere Arbeiten. Diese größeren Arbeiten gelangten in erster Linie in den Raum Dortmund, wo er durch Vermittlung seiner Freunde Zickenheiner und Schulte und später auch durch den Architekten Alfred Kalmbacher noch manchen Auftrag erhielt.
Das A. Ibing trotz aller Schicksalsschläge seinen herben, westfälischen Humor nicht verloren hatte, beweist ein Brief an den Dortmunder Architekten Schulte, in welchem er für die Jahre 1953 geschaffenen Bilder des Altartriptychons der St. Dionysius-Kirche in Dortmund-Kirchderne Anweisungen für das Firnissen der Bilder gibt: „Wenn die Bilder 3000 Jahre durchhalten sollen, ist der früheste Termin Weihnachten und der späteste Ostern.“

A. Ibing war alt geworden; er versuchte immer wieder, noch kleinere Arbeiten zu schaffen. Fast täglich stand er vor der Staffelei und malte. Etliche Studien aus dieser Zeit sind noch erhalten. Mit zunehmenden Alter nahm seine Weisheit zu, er philosophierte gern. Stundenlang konnte er im Kreis von Freunden sitzen und diskutieren. Sein Wort galt, man horchte auf, wenn er sprach. Keiner konnte sich dem Bann entziehen, wenn A. Ibings Stimme anhob, tiefgründige Lebensweisheiten zu vermitteln.
Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich zusehends. Ida Beckhaus, seine Lebensgefährtin, schrieb 1964, daß er ca. zwei Jahre vor seinem Tode hinfällig war, „…nur der Geist war klar wie je. Ich habe in meinem Leben keinen Menschen kennengelernt, der mehr Achtung und Aufmerksamkeit verdiente. Er war klug, vorausschauend, gütig und streng bis zur Härte, wenn er es für angebracht hielt.“
In den Abendstunden des 17. Dezembers 1959 verstarb der akademische Kunstmaler August Ibing nach einem arbeitsreichen Leben, in welchem er alle Höhen und Tiefen der menschlichen Existenz durchwandert hatte, in Dalwigksthal; ein erfolgreiches Künstlerleben hatte ein Ende genommen. Herzversagen und eine gewisse Altersschwäche forderten ihren Tribut. Am 21. Dezember 1959 fand er seine letzte Ruhestätte auf dem kleinen Dorffriedhof von Dalwigksthal. Seit 1978 schmückt die gepflegte Grabstätte auf dem Friedhof ein Denkmal.[1]

[1] Helmut Klöpping „Der Maler August Ibing 1878 – 1959 Leben und Werk“ Köln 1983

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